Der Fisch auf dem Logo ist ein Huchen...
...ein Hu...-was!? Ja, genau, ein Huchen...
Eine kleine Vorstellungsrunde...
Wer?
Der Huchen gehört zu den lachsartigen Fischen (Salmoniden heißt die ganze Familie), genauso wie zum Beispiel die Bachforelle. Oder die Äsche. Er lebt - und das ist das Besondere - nur im Einzugsgebiet der Donau, also in der Donau selbst und jenen Flüssen, die irgendwann in die Donau münden. Oder lebte, denn aus vielen Flüssen ist er inzwischen verschwunden.
Typisch für den Huchen sind sein kräftiges Maul, seine torpedoförmige Körperform (den Vergleich habe ich mir nicht ausgedacht - das soll beschreiben, dass sein Körper im Querschnitt fast kreisrund ist und nicht abgeflacht wie bei den meisten Fischen) und seine kupferrote Farbe. Außerdem hat er meist kleine bis mittelgroße schwarze Punkte auf Rücken und Seite.
Wie groß? Wie schwer? Wie alt?
Richtig groß! Nach dem Wels ist der Huchen der größte heimische Raubfisch. Er erreicht im Normalfall Längen bis 120cm und Gewichte bis 20kg, in seltenen Fällen werden die Fische aber sogar über 140cm lang und über 30kg schwer. Aus der Vergangenheit sind sogar noch größere Fische bekannt. Als relativ verbürgt dürfen dabei Maße von ca. 160cm Körperlänge und ca. 50kg Gewicht gelten. Huchen erreichen bei uns ein Alter von maximal etwas über 20 Jahren.
Und sonst?
Jeder Huchen hat sein Revier und diesem Revier bleibt er treu. Das heißt, man findet ihn immer wieder an den selben Stellen im Fluss. Wenn er gerade nichts zu tun hat, liegt er in tiefen, ruhigeren Gumpen ganz am Grund und lässt sich durch kaum etwas aus der Ruhe bringen (erst recht nicht durch lästige Angler und ihre Köder).
Wenn er etwas zu tun hat, dann bedeutet das meist: Fressen. Dann schwimmt er sein Revier ab, lauert hinter Steinen oder treibt seine Beute in die flachen Bereiche, wo sie ihm nur noch schwer entwischt. Allerdings kann ein großer Huchen auch gut und gerne ein paar Wochen auskommen, ohne zu fressen.
Im Frühjahr ist Laichzeit. Das heißt, irgendwann zwischen März und Mai. Kurz davor verlassen die Huchen ihre Reviere und wandern zu den Laichplätzen. Natürlich nur, wenn sie schon "laichreif" sind. Und das werden sie im Vergleich zu anderen heimischen Fischarten spät, mit 4 Jahren (Männchen) bzw. 5 Jahren (Weibchen). Die Laichgebiete sind meist flachere, gut durchströmte Bereiche. Dort gräbt (bzw. "schlägt" - weil das Ganze durch Schläge mit der Schwanzflosse geschieht) das Weibchen eine Laichgrube ins Kiesbett (So wie auf dem Bild), in die sie ihre Eier legt. Das Männchen gibt seinen Samen (die "Milch") dazu, dann kommt wieder ein bisschen Kies über das Gelege und in den nächsten Wochen entwickeln sich die Eier gut geschützt in den kleinen Lücken zwischen den Steinen...
...wenn, ja, wenn die Eltern überhaupt noch lockeren Kies für ihren Nachwuchs finden. Denn der ist Mangelware. Und einer der Gründe, warum der Huchen heute so verdammt selten geworden ist...
Wieso?
Kurze Antwort: Wehre (und sonstige "Querverbauungen" - also solche, die von links nach rechts das Flussbett durchschneiden). Denn davon gibt es in Bayern eine ganze Menge: ca. 57.000!
Und Uferbefestigungen.
Aber nochmal: wieso?
Natürlich einerseits, weil die Huchen (genauso wie viele andere Fische) zur Laichzeit nicht mehr unbedingt dahin wandern können, wo sie gern hin wandern würden - aber unsere menschliche Bautätigkeit hatte darüber hinaus für die Flüsse noch wesentlich schlimmere Folgen.
Vereinfacht gesagt: Der lockere Kies, den nicht nur die Huchen, sondern ziemlich viele Flussfische für ihre Eier brauchen, muss ja irgendwo herkommen. Und zwar wird er entweder von oben nach unten gespült, also mit den Hochwassern aus den Bergen flussabwärts transportiert, oder von der steten Strömung seitlich aus den Ufern "gegraben". Wenn allerdings alle paar Kilometer ein Wehr den Fluss versperrt und die Ufer mit großen Steinen und Beton befestigt wurden, dann ist da nicht mehr viel mit Kiesnachschub.
Was durch die Wehre passt, ist lediglich der feine Sand etc.. Alles andere bleibt davor hängen. Und dieser Sand verstopft mit den Jahren die Lücken zwischen den verbliebenen Steinen - das Kiesbett wird hart wie Beton. Oder er legt sich gleich als dicke Schicht darüber (Einen guten Teil dazu trägt übrigens auch landwirtschaftlich bedingte Bodenerosion bei).
Naja, und selbst wenn die Huchen noch ein Fleckchen finden, wo sich ein paar Eier zu kleinen Fischchen entwickeln können, fehlt den kleinen Huchen wahrscheinlich spätestens, nachdem sie ihr schützendes Kiesversteck verlassen haben, der nötige Lebensraum, um größer zu werden. Denn das sollten bestenfalls flachere, wärmere Bereiche sein, mit viel abgestorbenem Holz, wo sie sich verstecken können und Futter finden. Aber unsere in Stein und Beton eingesperrten Flüsse bieten genau solche Bereiche kaum mehr. Stattdessen wälzt sich die Strömung mit gleichförmiger Gewalt durch das kanalisierte Bett - und spätestens wenn ein Hochwasser kommt, gibt es für den Fischnachwuchs in dieser Monotonie keinen Rückzugsort mehr, wo er Schutz suchen könnte.
Und das sind längst nicht alle Probleme, mit denen nicht nur der Huchen in unseren Flüssen zu kämpfen hat. Und es sind auch nicht alle, die mit unserer energiewirtschaftlichen Nutzung der Flüsse unmittelbar zusammenhängen. Aber sie gehören zu den schwerwiegendsten.
Und jetzt?
Daran sollte man jedenfalls denken, wenn man über erneuerbare Energie aus Wasserkraft spricht. Denn unter den "Erneuerbaren" hat keine andere derart umfassend zerstörerische Auswirkungen auf das Ökosystem, das sie als Ressource nutzt. Die Rede ist nicht von den großen Wasserkraftwerken an großen Flüssen. Klar, sie zerstören genauso die Lebensräume, in die sie gepflanzt wurden - aber sie erzeugen wenigstens ordentlich Strom.
Die Rede ist von der sogenannten Kleinwasserkraft, also Anlagen mit einer Leistung von unter 1.000 kW. Denn von den ca. 4.250 Wasserkraftanlagen an bayerischen Flüssen (in ganz Deutschland gibt es übrigens insgesamt nur ca. 7.000) entfallen 92% des produzierten Stroms auf 219 Anlagen. Die restlichen gut 4.000 zerstören zig Flüsse für 8% der bayerischen Stromproduktion aus Wasserkraft.
Diese Anlagen weiter fördern zu wollen ist ein ökologischer Skandal!
Und doch stellen die gut 4.000 aktiven Anlagen nur einen Bruchteil der fast 60.000 Querverbauungen in bayerischen Flüssen dar - Bauten, die heute oft ohne jede Funktion sind.
Wie geht`s also dem Huchen?
Eher nicht so gut. Die Rote Liste der IUCN stuft den Huchen als stark gefährdet ein. Damit geht die Einschätzung einher, dass für die Art ein sehr hohes Risiko des Aussterbens in freier Wildbahn besteht.
Auch laut der Roten Liste Bayern gilt der Huchen als stark gefährdet. Darunter fallen Arten, die, wird die aktuelle Gefährdung nicht abgewendet, voraussichtlich bald vom Aussterben bedroht sein werden.
Weil ein wesentlicher Teil seines gesamten Verbreitungsgebietes in Bayern liegt, schreibt die Rote Liste dem Bundesland Bayern übrigens eine "besonders hohe Verantwortung" für den Erhalt des Huchens zu.
Was tun?
Es gibt in Bayern noch ein bis drei Huchenbestände, die sich selbst erhalten. Das heißt, dass genug Nachwuchs nachkommt, damit der Bestand wenigstens stabil bleibt. Für alle anderen Flüsse und Flussabschnitte, in denen der Huchen vorkommt, gilt: die dortigen Populationen reproduzieren sich bestenfalls zum Teil selbst, der Rest der Fische entstammt menschlichen Nachzuchtbemühungen. "Bestenfalls", weil es viele Flüsse gibt, deren Bestand vermutlich vollständig auf Nachzucht basieren dürfte.
Kann man machen...
...also Huchen nachzüchten. Aber das birgt einen Haufen eigener Probleme. Das fängt bei genetischer Verarmung an, denn weil dieses Business einerseits nicht sonderlich lukrativ ist, andererseits theoretisch bereits ein größeres Weibchen mit seiner Eimenge den größten Teil der Nachfrage decken könnte, gibt es nur eine überschaubare Anzahl Fischzuchten, die Eier bzw. kleine Huchen produzieren. Es gibt also nur eine überschaubare Zahl Elterntiere, die einen großen Teil der Nachfrage decken. Und dazu kommt, dass die Fische sich umso schwerer tun, natürliche Verhaltensmuster zu entwickeln, je länger sie in den Zuchten aufwachsen. Außerdem haben Zuchtfische ein deutlich niedrigeres Fortpflanzungspotential. Nachzucht kann also eigentlich nur eine Unterstützungs- oder bestenfalls Übergangslösung sein. Viel, viel entscheidender ist;
Revitalisierung...
...oder in anderen Worten: die Verbesserung der Lebensraumqualität im Rahmen des Möglichen. Das heißt, Uferbefestigungen zu entfernen, vielleicht sogar Wehre zurückzubauen, Nebenflüsse wieder besser mit dem Hauptstrom zu verbinden, verhärtete und versandete Kiesbetten vor der Laichzeit aufzulockern, flache Nebenarme zu schaffen, Strukturen und Totholz einzubringen, um die Lebensräume möglichst vielfältig zu gestalten und verschiedenen Fischarten bzw. den unterschiedlichen Altersstufen im Lebenszyklus einer Art ein passendes Umfeld zu bieten, möglicherweise sogar künstlich Kies in den Fluss zu kippen, und, und, und, und...
Man wird nie wieder auch nur in die Nähe des Ursprungszustandes unserer Flüsse kommen. Aber selbst kleine Verbesserungen können positive Kippunkte darstellen, die große Auswirkungen auf das Leben der Fische haben. Was natürlich ebenso umgekehrt gilt (ich sage nur Kleinwasserkraft).
Nur wenn wir unsere Bemühungen verstärken, die Qualität ihrer Lebensräume wieder zu verbessern, werden Huchen, Äschen, Nasen, Barben und viele andere eine Zukunft haben...
Und wieso gerade der Huchen aufs Logo?
Egal ob Adler, Wolf oder Bär, der Mensch pflegt seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zu den großen Raubtieren. Faszination, ja, teilweise Verehrung, wechseln sich in unserer gemeinsamen Geschichte ab mit Hass und gnadenloser Verfolgung. Doch während wir heute langsam erkannt zu haben scheinen, dass Wolf, Bär oder Adler in einer menschlich völlig überprägten Umwelt unseres Schutzes bedürfen, während sich immer mehr Menschen deshalb für das Schicksal dieser Arten interessieren und engagieren, fristet ein weiterer, großer Räuber ein Schattendasein: Der Huchen.
Die meisten Menschen wissen zwar - dem Kühlregal sei Dank - so ungefähr, wie ein Lachs ausschaut, aber von seinem entfernten Cousin haben sie noch nie etwas gehört. Dabei gehört der Huchen zu den urtümlichsten Lachsverwandten und lebt in unserer gemeinsamen Heimat vermutlich viele Millionen Jahre länger, als wir es tun. Noch. Denn wenn wir nicht zügig etwas für seinen Lebensraum tun, wird bald das Ende unserer gemeinsamen Geschichte erreicht sein - und das, ohne dass es den meisten Menschen überhaupt auffallen würde.
Deshalb ist der Huchen auf dem Logo: weil diese geheimnisvolle, faszinierende Tierart endlich mehr Aufmerksamkeit und Schutz verdient. Und weil man sich eben nur für etwas interessieren und einsetzen kann, wenn man überhaupt davon weiß. Er ist zugleich ein Symbol für den ursprünglichen Zustand unserer Flusslandschaften: ein weitverzweigtes, vielfältiges, abwechslungsreiches Netz aus Rinnsalen, Bächen, Flüssen und Strömen, in dem die Fische einst frei umherwandern konnten. Dorthin zurück führt kein Weg mehr, das ist klar. Aber wir können bewahren, was noch davon übrig ist...
Noch mehr Infos?
Zum Huchen:
- Wenn Du Dich auf den aktuellen Stand bringen möchtest: Die Publikation "Der Huchen - Ökologie, aktuelle Situation, Gefährdung" enthält einen Berg an Infos. Herausgegeben anlässlich der Wahl des Huchens zum "Fisch des Jahres 2015" kannst Du sie zum Beispiel beim Landesfischereiverband Bayern als PDF downloaden.
- Der Dokumentarfilm "Der Donaulachs kehrt zurück" bietet neben vielen Infos auch tolle Bilder. Aktuell ist er noch bis Mai 2023 in der ARD-Mediathek zu sehen.
Zum Thema Kleinwasserkraft:
- Einen kritischen Blick auf das Thema Kleinwasserkraft werfen sowohl der WWF als auch der Landesbund für Vogelschutz. Auf beiden Seiten findest Du zahlreiche weiterführende Infos zum Thema.
Zur Revitalisierung von Gewässern:
- Die Seite "Nachhaltig Bewirtschaften" bietet einen super Überblick zum Thema, zeigt Dir, wo es Probleme gibt, aber auch, was man dagegen tun kann.
- Sehr sehenswert zum Thema ist auch der kurze Film "Fluss.Mensch.Zukunft" von Kristof Reuther. Und wer noch mehr tolle Videos rund ums Thema Gewässer sehen möchte, schaut sich am besten gleich noch auf Kristofs Homepage um.